Zittersieg zum Klassenerhalt als Spiegelbild der Saison

Mit einem knappen und unnötig spannenden 4,5:3,5-Heimerfolg gegen Böblingen III sicherte sich Grunbach 1 am letzten Spieltag den Klassenerhalt in der Verbandsliga.

Die Ausgangslage vor Beginn war klar: Mit einem Sieg konnte Grunbach das rettende Ufer aus eigener Kraft erreichen. Bei einem Unentschieden oder gar einer Niederlage würde man auf die Ergebnisse der anderen Partien schauen und ggf. auch noch den letzten Spieltag der Oberliga abwarten müssen.

Gleiches galt umgekehrt für Böblingen: Mit einem Sieg (und höchstwahrscheinlich auch mit einem 4:4) wären sie gerettet. Im Falle einer Niederlage müssten sie die weiteren Ereignisse abwarten.

Nominell war Grunbach deutlich überlegen und stellte an jedem Brett den stärkeren Spieler. Wie schon mehrmals im Saisonverlauf konnte das klare Übergewicht aber nur schwer in Punkte umgesetzt werden. Im Gegensatz zu manch bitteren Niederlagen retteten sich die Grunbacher dieses Mal immerhin mit letzter Kraft ins Ziel.

Dass der Klassenerhalt ein hartes Stück Arbeit werden würde, zeichnete sich schon bald ab, da es an den Brettern von Joachim Mayer (7) und Andreas Schnabel (8) alles andere als rosig für Grunbach aussah. Berthold Rabus (6) wich deshalb noch in der Eröffnung einer möglichen Zugwiederholung aus.

Andreas hatte Raum am Damenflügel gegriffen. Im Gegenzug ließ er auf der anderen Brettseite einen Angriff auf seinen König zu, der rasch konkrete Formen annahm. Der Böblinger Roland Kolb agierte hier nicht ganz zwingend und Andreas erhielt nochmals die Chance auf Ausgleich. Bekanntlich ist die Verteidigung aber schwerer zu führen als der Angriff und Andreas griff fehl. Er konnte zwar noch durch Damentausch das Matt verhindern, verlor dabei aber eine Figur gegen zwei Bauern und ließ sich das Leichtfigurenendspiel nicht mehr zeigen.

Joachim hatte in der Eröffnung einen Bauern geopfert, dem er lange Zeit hinterherlief. Sein Gegner Dietmar Fischer musste dafür zwei isolierte Doppelbauern zulassen, die aber gut zu verteidigen waren und Raumvorteil sicherten. Schließlich gelang es Joachim, den Bauern zurückgewinnen. In der Folge entstand ein ausgeglichenes Turmendspiel, in dem Remis vereinbart wurde.

Berthold war wie schon erwähnt frühzeitig einer Zugwiederholung ausgewichen. Im weiteren Verlauf konnten aber weder er noch sein Gegner Fred Wrobel Zählbares aus der Stellung herausholen. Nach einer Folge von Abtauschen endete auch diese Partie im Endspiel unentschieden.

Zwischenzeitlich war zusätzlich die Partie von Jürgen Ditter (5) gegen Marc Gibicar beendet. Nach einer langen Theorievariante waren die beiden rasch in einem ausgeglichenen Turmendspiel gelandet. Jürgen kam durch eine Ungenauigkeit des Böblingers leicht in Vorteil, nahm aber dessen Remisangebot an. Die chancenreiche Fortsetzung entdeckten sie erst in der Analyse.

Anschließend erzielte Spyridon Skembris am Spitzenbrett der Ausgleich für Grunbach. Sein Gegner Lukas Meier hatte viel Bedenkzeit verbraucht, um die Stellung ausgeglichen zu halten. Mit aufkommender Zeitnot gelang ihm das nicht mehr. Zuerst ging ein Bauer, anschließend noch eine Qualität verloren.

Zwischenstand 2,5:2,5. Es spielten noch die Bretter zwei bis vier, die insgesamt chancenreich für Grunbach aussahen. Doch würde das reichen, um daraus die für den Sieg und den Klassenerhalt noch notwendigen „+1“ herauszuholen?

Als erste dieser drei Partien endete an Brett 4 die Begegnung von Jan Dietzel und Joshua Grob. Jan ließ seinen Worten („Heute zieh‘ ich’s durch!“) Taten folgen. Er stand die gesamte Zeit angenehm und verfügte über Raumvorteil. Der Böblinger hielt seine etwas schlechtere Stellung zunächst zäh zusammen. Jan ließ aber nicht locker und konnte in beidseitig hochgradiger Zeitnot den Stellungs- in Materialvorteil umwandeln. Er gewann schließlich durch Zeitüberschreitung seines Gegners, dessen Stellung zu diesem Zeitpunkt ohnehin verloren war.

3,5:2,5! Noch ein Punkt aus den beiden laufenden Partien zum Klassenerhalt!

An Brett 2 folgten Kristyna Novosadova und Thomas Heining einer langen Theorievariante (ähnlich wie oben erwähnt an Brett 5), nach der ebenfalls bald ein ausgeglichenes, aber nicht einfach zu handhabendes Turmendspiel auf dem Brett stand. Auch hier kam Zeitnot ins Spiel, was die Sache nicht leichter machte. Im Streben nach Aktivität geriet Kristyna zwischenzeitlich in Schwierigkeiten. Der PC zeigt Varianten an, die er zunächst vorteilhaft für den Böblinger bewertet. Wahrscheinlich ist die Stellung aber haltbar. In der Partie konnte Kristyna jedenfalls durch präzises Spiel das Remis sichern.

4:3! Und in der letzten Partie ein Turmendspiel mit – aus Grunbacher Sicht – vier gegen drei Bauern an einem Flügel!

Da kann doch nichts mehr passieren!? Aber es wurde noch ein langer Tag…

Verantwortlich dafür waren an Brett 3 Tomas Danada und der ehemalige Grunbacher Clemens Behrendt. Clemens kam gut aus der Eröffnung und Tomas musste sich zunächst des Böblinger Läuferpaars erwehren. Dann berechnete Clemens eine taktische Abwicklung falsch, die Tomas zwei Mehrbauern bescherte. Einen davon gab er wieder zurück, um etwaigen Grundreihenschwächen aus dem Wege und in das oben erwähnte Endspiel überzugehen.

Vier gegen drei Bauern auf einem Flügel sind im Turmendspiel in der Regel remis. Zu diesem Zeitpunkt lief noch die Partie an Brett 2 und es war nicht klar, ob ein Unentschieden für Grunbach reichen würde. Tomas spielte deshalb riskant auf Gewinn und erlaubte Clemens Gegenspiel. Und als dann feststand, dass eine Punkteteilung in Ordnung wäre, war aus einem Spiel auf zwei Ergebnisse eines mit allen drei möglichen Resultaten geworden.

Aufgrund der eingangs geschilderten Situation konnte Clemens seinerseits nicht mit einem Remis vorliebnehmen. Das Endspiel wurde deshalb voll ausgereizt. Fehler blieben dabei nicht aus.

Rund um das Brett hatte sich eine große Menschentraube gebildet, die das Geschehen verfolgte. Andere, die die Spannung nicht mehr aushielten (darunter auch der Autor dieser Zeilen), hatten sich ins Freie begeben, konnten das schöne Frühlingswetter aber nicht richtig genießen. Vom dramatischen Verlauf der Partie kündeten ihnen die Mienen der kurz aus dem Spielsaal Eilenden, die in raschen Abständen wechselten (sowohl die Eilenden als auch deren Mienen).

Die nüchterne PC-Analyse ergibt, dass Clemens einer Zugwiederholung auswich und sich dadurch in einer Verluststellung wiederfand. Tomas spielte allerdings nicht die korrekte Fortsetzung und so war die Remisbreite wieder erreicht. Beide Spieler versuchten nun einen Bauern umzuwandeln. Wieder war es hier Clemens, der im Streben nach Gewinn ins Hintertreffen geriet, da Tomas mit Schach einziehen konnte. Der PC zeigt an dieser Stelle ganz trocken „Matt in 12“ an. Das Problem besteht aber darin, jeweils die richtigen Schachgebote zu finden. Das gelang Tomas nicht und Clemens‘ König konnte sich in Sicherheit bringen. Allerdings musste Clemens nun definitiv ein Dauerschach zulassen, da er ansonsten seine Dame verloren hätte.

4,5:3,5! Sieg und Klassenerhalt! Und um zehn Jahre gealtert…

Berthold Rabus

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